Interview Niklas Baeskow

Datum des Interviews: 14.03.2024
Interviewpartnerin: Niklas Baeskow
Institution: Diakonie Nord-Nord-Ost
Funktion: Spezialist für Projektmanagement und Pflege
Interviewer: Alexandre Favarger
Ort: Zoom

Kontext

Das Interview mit Niklas Baeskow fand im Rahmen der Recherche zur Alltagsgestaltung in Pflegeeinrichtungen und zum Einsatz digitaler Technologien im Umgang mit Menschen mit Demenz statt. Die Diakonie Nordnordost ist Träger mehrerer stationärer Einrichtungen in Norddeutschland. Als Projektmanager betreut Baeskow sowohl technische als auch konzeptuelle Innovationen in der Pflegepraxis. Im Gespräch ging es um digitale Bewegungsangebote, Herausforderungen im Alltag mit Demenzerkrankten, Schulungsformate für Pflegekräfte sowie Potenziale immersiver Medien wie VR. Dabei eröffnete sich ein facettenreicher Blick auf die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen technikgestützter Pflegeangebote – insbesondere für vulnerable Zielgruppen wie Menschen mit Demenz.


Digitale Projekte in der Pflege

Baeskow leitet mehrere Projekte, die digitale Technologien in Pflegeprozesse integrieren. Dazu zählen sprachgesteuerte mobile Pflegedokumentationen zur Entlastung des Personals, digitale Tourenplanung sowie Projekte zur Gewaltprävention und zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Ein besonderer Fokus liegt auf Bewegungsförderung durch interaktive Systeme wie das Memory EPlus-Projekt, das spielerische Bewegung über Bildschirm- und Kamerasteuerung ermöglicht.


Umgang mit Demenz und Struktur im Alltag

Baeskow beschreibt, dass Menschen mit Demenz besonders unter dem Verlust von Orientierung leiden – zeitlich, räumlich und zur eigenen Identität. In stationären Einrichtungen fällt oft die vertraute Tagesstruktur weg, was zu Unruhe, Rückzug oder Überforderung führen kann. Pflegekräfte sind gefordert, diese Struktur aktiv zu gestalten. Dabei betont er die Wichtigkeit regelmäßiger Schulungen für alle – auch für ungelerntes Personal.

Schulung durch Perspektivwechsel: Der Demenzparcours

Ein effektives Schulungselement ist der sogenannte Demenzparcours, bei dem Pflegende typische Alltagsaufgaben aus Sicht von Menschen mit Demenz erleben. Dadurch entsteht ein tiefes Verständnis für Überforderung, Reizverarbeitung und emotionale Reaktionen. Dieser Perspektivwechsel trägt laut Baeskow wesentlich zur empathischen Haltung im Pflegealltag bei.


Chancen und Grenzen von VR und Robotik

Auf die Frage nach neuen Technologien in der Betreuung spricht Baeskow sich für den gezielten Einsatz von Virtual Reality, Augmented Reality und Robotik aus. Projekte mit dem Roboter Pepper und VR-Brillen zeigen, dass solche Technologien Menschen emotional ansprechen und zur Aktivierung beitragen können – vorausgesetzt, sie werden gut begleitet und individuell angepasst. Er verweist auf Forschungsergebnisse (u. a. von Appel et al.), die positive Effekte auf Wohlbefinden und Kommunikation zeigen, mahnt aber auch: Technik dürfe nie isoliert stehen, sondern müsse in ein sinnvolles Betreuungskonzept eingebettet sein.


Gesellschaftliche Wahrnehmung

Baeskow wünscht sich mehr Sichtbarkeit für das Thema Demenz in Politik und Gesellschaft. Pflege dürfe sich nicht allein auf Versorgung beschränken, sondern müsse Räume für Lebensqualität, soziale Teilhabe und persönliche Entwicklung schaffen – auch mit einfachen Mitteln. Dazu brauche es kreative Ansätze und interdisziplinäre Kooperation.


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