FS24: Interview Edith Arpagaus

Datum: 15.02.2024
Dauer: 53:31
Name: Edith Arpagaus
Funktion: Leiterin Tagesstruktur, EPAG Thusis

Kontext

Edith Arpagaus ist ausgebildete Psychiatrieschwester mit einem Master in Gerontologie. Sie leitet die Tagesstruktur im Altersheim EPAG Thusis. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit mit Menschen mit Demenz, die Bedeutung individueller Biografien, Herausforderungen in der Betreuung sowie über inklusive Projekte und die Rolle der Angehörigen.

Tagesstruktur und individuelle Betreuung

Die Tagesstruktur bietet Menschen mit höherem Betreuungsbedarf einen geschützten Rahmen von 8 bis 20 Uhr. Es wird bewusst auf Pflegehandlungen verzichtet, um Raum für echte Begegnung und individuelle Aktivitäten zu schaffen. Ein zentrales Element ist die Biografiearbeit, welche durch das „Validation Schweiz“-Modell gestützt wird. Dabei werden Angehörige eng eingebunden und persönliche Gewohnheiten, Vorlieben und Lebensgeschichten in den Alltag integriert​.


Bedeutung von Biografiearbeit

Die Einrichtung arbeitet mit Tools wie dem Geno-Ecogramm und einem systematischen, auf Validation basierten Ansatz. Ziel ist es, durch die Kenntnis der Lebenswelt der Betroffenen auf deren Bedürfnisse einzugehen und belastende Situationen zu vermeiden. So wird zum Beispiel das Duschverhalten angepasst, wenn biografisch bedingt ein anderes Hygieneverständnis besteht​.


Projekte zur sozialen Integration

Ein herausragendes Projekt ist das „Sing-Café“, bei dem Menschen mit Demenz im öffentlichen Restaurant mit externen Gästen gemeinsam singen. Ziel war die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und ein Abbau von Berührungsängsten in der Bevölkerung. Auch Kooperationen mit Schulen fördern generationenübergreifende Begegnungen​.


Herausforderungen in der Betreuung

Zentrale Herausforderungen sind die Heterogenität der Krankheitsverläufe, das Finden harmonischer Gruppenkonstellationen und der Umgang mit Aggressionen oder Rückzug. Dabei ist das Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Rückzugsmöglichkeit zentral – wie im „normalen Leben“ auch​.


Rolle der Angehörigen

Angehörige sind wichtige Expert:innen im Alltag der Einrichtung. Sie sind nicht nur bei der Biografiearbeit essenziell, sondern auch bei der laufenden Betreuung involviert. Die Einrichtung verzichtet bewusst auf feste Besuchszeiten und integriert Angehörige aktiv in Alltagssituationen​.


Einstieg ins Heim und Relokalisationssyndrom

Edith Arpagaus beschreibt den Eintritt ins Heim als kritische Phase. Viele Betroffene bauen zunächst stark ab – ein Phänomen, das als Relokalisationssyndrom bekannt ist. Veränderungen im gewohnten Umfeld führen oft zu Orientierungslosigkeit und Funktionsverlust. Stabilisierung gelingt erst mit der Zeit durch Anpassung​.