HS23: Interview Bettina Wegenast

vom 13.12.2023

1. Aktivierung und Tagesgestaltung

Ein zentrales Thema im Gespräch mit Bettina Wegenast war die oft fehlende Aktivierung von Bewohner:innen in Alters- und Pflegeheimen. Ihrer Erfahrung nach gibt es nur vereinzelt sinnvolle Beschäftigungsangebote. Viele ältere Menschen verbringen den Tag hauptsächlich sitzend, ohne Anregung oder sinnstiftende Tätigkeit. Dieses passive „Rumsitzen“ wird als belastend und demotivierend empfunden – sowohl von den Bewohner:innen als auch vom Pflegepersonal.

Zwar kommen teilweise Tablets zum Einsatz, doch fehlt es oft an einem gezielten Konzept, wie diese Technologien zur tatsächlichen Aktivierung genutzt werden können. Der Umgang mit digitalen Geräten ist für viele ältere Menschen eine Herausforderung – gleichzeitig bieten sie auch grosses Potenzial, wenn sie entsprechend angepasst und begleitet eingesetzt werden.

2. Virtual Reality – Chancen und Herausforderungen

Besonders spannend war Wegenasts Hinweis auf eine Berner Firma, die VR-Filme speziell für Menschen mit Demenz entwickelt. Diese Filme sollen Erinnerungen wecken, Reisen simulieren oder entspannende Eindrücke vermitteln – z. B. durch einen virtuellen Blick aus dem Zugfenster (Stichwort „Zugsfenster“) oder in ländliche Gegenden wie den Bethlehemacker. Allerdings schildert Wegenast diese Angebote als oft zu statisch und wenig stimulierend. Die Filme seien „langweilig zum Schauen“, es fehle an Interaktion und Abwechslung.

Für Menschen mit Demenz sind bewegte Bilder und akustische Reize besonders relevant. Wenn sich im Film nichts bewegt oder die Farben zu dunkel und neutral gehalten sind (z. B. schwarz), können die Inhalte als „tot“ oder bedrohlich wahrgenommen werden. Schwarze Objekte werden nicht als Teil der Umgebung erkannt und können Verwirrung oder Ablehnung auslösen. Klare, warme Farben, ruhige Töne und einfache, großflächige Formen hingegen erleichtern die Wahrnehmung und tragen zur Orientierung bei.

3. Sensorische Reize für Demenzbetroffene

Demenz verändert nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Wahrnehmung. Dies betrifft visuelle, akustische und taktile Reize. Deshalb ist es wichtig, dass Umgebungen für Menschen mit Demenz gezielt gestaltet werden. Klare Strukturen, einfache Raumabfolgen und eine gute Beleuchtung sind hilfreich. Laut Wegenast reagieren viele Betroffene positiv auf großflächige Farben, langsame Bewegungen und angenehme Geräusche. Schnelle, laute oder komplexe Reize überfordern sie hingegen.

Wegenast betont auch, dass Frustration in der Beschäftigung mit Demenzkranken unbedingt vermieden werden sollte. Viele Bewohner:innen erleben bereits im Alltag ein Gefühl von „Nicht-mehr-Können“. Deshalb ist es wichtig, Angebote zu schaffen, die einfache Erfolgserlebnisse ermöglichen – beispielsweise Spiele oder Aufgaben auf dem Tablet, die an den Fähigkeiten der Person ausgerichtet sind. Entscheidend ist, dass die Bewohner:innen sich kompetent fühlen und positive Rückmeldungen erhalten.

4. Soziale Kontakte im Heimalltag

Ein weiterer zentraler Punkt im Interview war die Bedeutung von sozialen Treffpunkten innerhalb des Altersheims. Wegenast bemängelt, dass es zu wenige Orte gibt, an denen sich Bewohner:innen und Besuchende zwanglos begegnen können. Räume wie das „Zugsfenster“ oder Orte mit Aussicht auf den Bethlehemacker könnten solche Begegnungsräume sein – vorausgesetzt, sie sind nicht nur Kulisse, sondern auch funktional darauf ausgerichtet.

Die Besuchsdienste von Benevol oder Angebote wie in Wiedlisbach sind wichtige Ansätze, um soziale Teilhabe zu ermöglichen. Jedoch reichen diese punktuellen Dienste oft nicht aus, um Einsamkeit nachhaltig zu vermeiden. Das Altersheim muss als sozialer Ort neu gedacht werden – nicht als Endstation, sondern als Raum für Begegnung, Austausch und Sinn.

5. Lebensqualität vor Funktionalität

Ein besonders eindrücklicher Gedanke aus dem Gespräch war Wegenasts Haltung zur letzten Lebensphase im Altersheim: Viele Menschen sind dort, weil sie vieles nicht mehr selbstständig können. Umso wichtiger sei es, dass sie diese Einschränkungen nicht ständig spüren. Das Heim soll kein Ort der Defizite, sondern ein Ort des Wohlbefindens sein. Ziel sei eine Umgebung, in der die Menschen sich wohlfühlen – eine „stressfreie, entspannte Zeit“, in der Begegnung, Humor, Musik, Bewegung oder Rückzug jederzeit möglich sind.

Wegenast spricht von einem Raum, in dem Interaktion stattfindet – nicht überfordernd, sondern anregend. Es geht um eine sensible Balance: zwischen Ruhe und Aktivität, zwischen Nähe und Rückzug, zwischen Struktur und Offenheit.

6. Persönlicher Zugang zur digitalen Aktivierung

Im persönlichen Gespräch schilderte Bettina Wegenast auch eigene Erfahrungen mit dem Einsatz digitaler Medien: Bei Besuchen ihrer Mutter im Heim brachte sie regelmäßig ein Tablet mit. Gemeinsam spielten sie einfache Spiele – etwa Puzzle- oder Gedächtnisübungen. Diese Momente wurden von ihrer Mutter positiv aufgenommen. Sie ermöglichten nicht nur eine sanfte kognitive Aktivierung, sondern auch eine Form von Interaktion und Nähe zwischen Mutter und Tochter.

Die Auswahl der Spiele erfolgte dabei bewusst einfach, mit klarer Struktur, ruhiger Darstellung und Erfolgserlebnissen ohne Zeitdruck. Wegenast betont, dass gerade diese kleinen digitalen „Rituale“ wesentlich dazu beitrugen, dass ihre Mutter sich auf etwas freuen konnte und sich trotz fortschreitender Demenz als aktiv und beteiligt empfand.

Diese Erfahrung unterstreicht die Bedeutung individuell angepasster, niedrigschwelliger digitaler Angebote im Alltag von Menschen mit Demenz – besonders wenn sie gemeinsam mit Angehörigen genutzt werden. Sie fördern nicht nur die Selbstwirksamkeit, sondern stärken auch die emotionale Bindung.