Jeska Fezer – „Die Nicht-Lösung problematischer Probleme in der Wirklichkeit“
Design ist kein linearer Problemlösungsprozess, sondern eine fortlaufende Auseinandersetzung mit der Realität. Problemstellungen sind oft komplex und nicht eindeutig definiert, weshalb standardisierte Lösungen sie nur oberflächlich behandeln. Fezer kritisiert, dass traditionelle Designansätze die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen oft unberücksichtigt lassen. Stattdessen plädiert sie für eine kritische Reflexion der Problemstellung selbst und fordert ein experimentelles, dynamisches Designverständnis, das sich mit den Betroffenen und deren Perspektiven auseinandersetzt.
Horst Rittel – „Die Denkweise von Planern und Entwerfern“
Rittel argumentiert, dass Design kein blosser Problemlösungsprozess ist, sondern vielmehr eine Form der Argumentation und des Diskurses darstellt. Planer und Designer müssen mit Unsicherheiten umgehen und können keine universell gültigen Lösungen entwickeln. Statt eines sequenziellen Vorgehens entsteht Design durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Interessen und sich wandelnden Bedingungen. Epistemische Freiheit bedeutet, dass der Designprozess nicht von festen Regeln bestimmt wird, sondern durch Reflexion und iterative Anpassung geformt wird.
Horst Rittel – „Zur Planungskrise: Systemanalyse der ersten und zweiten Generation“
Rittel unterscheidet zwischen der „ersten Generation“ der Planung, die Probleme als systematisch lösbar betrachtet, und der „zweiten Generation“, die die Komplexität gesellschaftlicher Herausforderungen anerkennt. Klassische Planungsmethoden scheitern oft an „bösartigen“ (wicked) Problemen, die keine eindeutigen Definitionen oder finalen Lösungen haben. Statt hierarchischer, technokratischer Lösungen setzt die zweite Generation auf partizipative Prozesse, die die Perspektiven verschiedener Akteure berücksichtigen und Design als einen offenen, dialogischen Prozess begreifen.
Anwendung auf das Projekt „VR for Retirement Homes“
1. Problem definieren
Bevor VR als Lösung für soziale Isolation oder kognitive Förderung in Altersheimen eingeführt wird, sollte eine detaillierte Problemdefinition erarbeitet werden. Direkte Gespräche mit Bewohnern, Pflegekräften und Angehörigen sind essenziell, um deren tatsächliche Bedürfnisse und Herausforderungen zu verstehen.
Problem als sozialer Prozess
VR muss als Teil eines ganzheitlichen Systems betrachtet werden, das soziale Interaktion, körperliche Einschränkungen und emotionale Faktoren berücksichtigt. Eine reine Technologiezentrierung könnte dazu führen, dass VR nicht angenommen oder sogar als störend empfunden wird.
Iterativer, experimenteller Ansatz
VR-Anwendungen sollten in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess gemeinsam mit den Bewohnern getestet und angepasst werden. Ein flexibles Co-Design ermöglicht es, Prototypen frühzeitig zu evaluieren und weiterzuentwickeln.
Reflexion über Nebenwirkungen und Grenzen
VR kann sowohl soziale Isolation verstärken (wenn es individuelle Rückzugsräume schafft) als auch reduzieren (wenn es zur Interaktion anregt). Die langfristigen Auswirkungen der Technologie müssen deshalb kritisch hinterfragt und durch regelmäßiges Feedback evaluiert werden.
Partizipation der Betroffenen
Die Bewohner sollten nicht nur passive Nutzer sein, sondern aktiv an der Gestaltung der VR-Erfahrungen beteiligt werden. Partizipative Ansätze wie Co-Design, Workshops oder Interviews helfen, eine Lösung zu entwickeln, die tatsächlich auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist.
Diese Herangehensweise stellt sicher, dass „VR for Retirement Homes“ nicht nur als technische Neuerung, sondern als sozial eingebettetes Design betrachtet wird, das sich an den realen Bedürfnissen der Menschen orientiert.
Literaturverzeichnis (APA 7th Edition)
Fezer, J. (2013). Die Nicht-Lösung problematischer Probleme in der Wirklichkeit. Hochschule für bildende Künste Hamburg.
Rittel, H. W. J. (1987). Die Denkweise von Planern und Entwerfern. Vortrag auf dem International Congress on Planning and Design Theory, Boston.
Rittel, H. W. J. (1972). Zur Planungskrise: Systemanalyse der ersten und zweiten Generation. Bedriftsøkonomen, 8, 390–396.
Schreibe einen Kommentar