Interview mit Tobias Meyer

Datum des Interviews: 15. Januar 2024
Interviewpartner: Tobias Meyer
Institution: Felix-Platter Spital
Funktion: Chefarzt
Ort: Zoom Call

Kontext und Schwerpunkt

Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, wie Menschen mit Demenz im Alltag begleitet und betreut werden können. Tobias Meyer machte deutlich, dass die Hauptaufgabe in der Betreuung nicht in der klassischen Pflege liegt, sondern in der sinnvollen Gestaltung von Zeit, Struktur und Beziehungen – im Heim wie auch im häuslichen Umfeld.

Bedürfnisse erkennen und deuten

Menschen mit Demenz können ihre Bedürfnisse oft nicht mehr sprachlich äussern. Meyer beschreibt die Herausforderung, nonverbale Zeichen richtig zu deuten – etwa Unruhe, Rückzug oder bestimmte Blicke. Betreuungspersonen müssten sich in die betroffene Person einfühlen und herausfinden, was genau gebraucht wird: Nahrung, Ruhe, Ansprache, Bewegung oder schlicht Nähe.

Veränderte Wahrnehmung

Ein zentrales Thema war die veränderte Wahrnehmung bei Demenz. Laut Meyer sind alle sensorischen Kanäle betroffen – akustisch, visuell, olfaktorisch und taktil. Viele Betroffene nehmen ihre Umgebung anders wahr und können mit Hilfsmitteln wie Brillen oder Hörgeräten oft nicht mehr gezielt umgehen, da deren Nutzung kognitive Fähigkeiten voraussetzt. Diese veränderte Sensorik beeinflusst auch die Art, wie Reize verarbeitet werden: zu viele Eindrücke führen schnell zu Überforderung.

Relevanz für Gestaltung und Praxis

Meyer betont, dass das Wissen um veränderte Wahrnehmung direkte Auswirkungen auf die Gestaltung von Räumen und Alltag hat. Es braucht klare Strukturen, einfache Orientierungshilfen und eine möglichst reizarme, aber sinnlich zugängliche Umgebung. Entscheidend ist, dass Angebote nicht überfordern, sondern Sicherheit, Vertrautheit und emotionale Geborgenheit vermitteln.

Einschätzung zu Virtual Reality und immersiven Medien

Auf die Frage nach dem Potenzial immersiver Medien wie VR-Brillen reagiert Meyer differenziert. Er erkennt ein therapeutisches Potenzial, insbesondere zur Aktivierung, Beruhigung oder zur biografischen Reorientierung. Naturerlebnisse oder Reisen in die Vergangenheit können emotional berühren und Bewegungsimpulse auslösen. Gleichzeitig betont er, dass nicht jede:r Betroffene solche Technik akzeptiert – manche reagieren mit Ablehnung oder Überforderung. Deshalb seien individuelle Einschätzung und sensible Einführung entscheidend.

Betrieb und Alltagstauglichkeit

Meyer weist ausdrücklich darauf hin, dass der dauerhafte Betrieb technischer Installationen im Pflegealltag eine grosse Herausforderung darstellt. Geräte wie VR-Brillen oder Projektionssysteme benötigen Betreuung, Wartung und eine Person, die sie gezielt einsetzt. Wenn solche Technologien nicht zuverlässig funktionieren – etwa durch Softwarefehler oder Updates – entstehe im hektischen Alltag sofort zusätzlicher Aufwand. Auch die räumliche Integration sei schwierig: Fixe Installationen stünden oft „am falschen Ort“ oder würden nicht genutzt. Erfolgreich seien meist einfache, flexibel einsetzbare Lösungen wie die Tovertafel, die ohne aufwendige Vorbereitung auskommt und im Alltag intuitiv genutzt werden kann. Meyer plädiert dafür, Technik nur dort einzusetzen, wo sie funktional eingebunden ist und von den Betroffenen wie vom Personal akzeptiert wird.