Dauer: ca. 63 Minuten
Datum: 21. Januar 2024
Ort: telefonisch
Beruflicher Hintergrund
Susanna Erlanger ist pensionierte Lehrerin, Sonderpädagogin und Künstlerin. Aktuell arbeitet sie projektbasiert im Bereich Theater. Sie engagiert sich kreativ mit gesellschaftskritischen Themen – etwa im Projekt Untergänge – und verarbeitet ihre Erfahrungen mit der Demenzerkrankung ihres Ehemanns künstlerisch.
Bezug zum Thema
Ihr Mann Marc lebt seit mehreren Jahren in einem Pflegeheim, nachdem sich seine Alzheimer-Erkrankung verschlimmerte. Susanna begleitete ihn über einen langen Zeitraum zu Hause, bevor sie sich für eine stationäre Betreuung entschied. Sie war stark in alle Entscheidungen involviert, koordinierte medizinische Betreuung, Tagesstruktur und Heimunterbringung.
Zentrale Aussagen
Erkrankungsverlauf und Pflegeerfahrung
Der Krankheitsverlauf von Marc begann schleichend mit Persönlichkeitsveränderungen, Gedächtnisproblemen und späterem Verlust der Selbstständigkeit. Susanna beschrieb eine Art „Trotzphase“, die sie mit der kindlichen Entwicklung verglich – nur rückwärts. Die Betreuung zu Hause wurde zunehmend belastend, vor allem durch Schlafunterbrechungen, emotionale Erschöpfung und mangelnde Entlastung durch Dritte.
Heimunterbringung und Betreuung
Die Unterbringung im Heim in Thusis empfand sie als Entlastung. Sie lobt die Architektur, den Umgang mit den Bewohner:innen und die einfühlsame Pflege. Besonders positiv hebt sie die eins-zu-eins-Betreuung zu Beginn hervor. Diese wurde jedoch bei zunehmender Unruhe nicht weitergeführt – ein Problem des Personalmangels. Auch Medikamente wurden kritisch hinterfragt und in Absprache mit dem Heim reduziert.
Emotionale und soziale Belastung
Susanna spricht offen über Überforderung, Einsamkeit und das Gefühl gesellschaftlicher Unsichtbarkeit in der Rolle der betreuenden Angehörigen. Besonders negativ erlebte sie Unverständnis am Arbeitsplatz. Ihre finanzielle Situation verschlechterte sich durch Frühpensionierung und Zusatzkosten. Sie beschreibt psychische und körperliche Erschöpfung, fand jedoch Halt in Meditation, Gesprächen mit Alzheimer-Fachpersonen und kreativen Projekten.
Beziehung und Abschied
Die Partnerschaft veränderte sich grundlegend. Marc erkannte sie nicht mehr, distanzierte sich emotional und sprach zuletzt davon, „nur noch mit sich selbst“ zu spielen. Trotzdem beschreibt Susanna auch zarte, fast kindliche Momente der Nähe. Der Verlust eines gemeinsamen Erinnerungsraums schmerzt sie besonders. Sie berichtet davon, wie er Erinnerungen verlor und teilweise mit Intelligenz kompensierte.
Rolle von Kreativität
Susanna nutzt Theater, Schreiben und Musik zur Verarbeitung. Sie beschreibt, wie sie mit Marc getrommelt und gesungen hat, um einen Zugang zu finden. Ihre Projekte bieten ihr einen Sinn jenseits der Pflege, z. B. das Theaterstück Untergänge, das sich mit menschlicher Überheblichkeit beschäftigt.
Relevanz für das Projekt
- Pflegeüberlastung zeigt den Bedarf nach externen Entlastungsangeboten – hier kann VR emotionale Auszeiten bieten.
- Kritik an Medikamenten deutet auf Interesse an nicht-medikamentösen Interventionen wie multisensorischer Stimulation.
- Eins-zu-eins-Betreuung als zentrale Erfahrung – VR kann hier individualisierte Inhalte ermöglichen.
- Kreativität als Ressource – Theater, Musik und Geschichten bieten Potenzial für VR-Inhalte mit biografischem Bezug.
- Beziehungspflege trotz Demenz – die Erfahrungen zeigen Möglichkeiten, wie digitale Medien neue Formen der Nähe schaffen könnten.