Interview mit Gerd Kehrein, Leiter Pflege Sonnenwaid
Kontext
Das Interview wurde im Rahmen einer Recherche zum Thema Demenz und digitalen sowie sinnstiftenden Angeboten geführt – mit Fokus auf innovative Ansätze wie Virtual Reality.
1. Rolle der Institution
- Gerd Kehrein beschreibt die Institution als Pionierin in der Demenzpflege mit fast 40 Jahren Erfahrung.
- Früh wurde ein spezielles Wohnangebot für Menschen mit Demenz geschaffen, das Lebensqualität statt klassische Pflege in den Mittelpunkt stellt.
2. Aktivierung und Alltagsgestaltung
- Aktivierung ist nicht an starre Programme gebunden. Stattdessen wird auf selbstbestimmte Alltagsmomente geachtet (z. B. jemand geht gerne in die Cafeteria – das wird unterstützt).
- Es gibt niederschwellige Angebote wie Zeitunglesen, gemeinsames Kochen, spontane Gespräche oder kleine Rituale (z. B. Apfelstücke am Nachmittag).
- Biografische Gewohnheiten werden nicht mechanisch übernommen („nur weil jemand früher Kaffee mochte, heisst das nicht, dass er das heute will“).
3. Bedeutung von Gemeinschaft
- Emotionale Sicherheit entsteht durch gemeinsame Erlebnisse und ein Gefühl der Zugehörigkeit.
- Wichtig ist, Menschen in ihrem aktuellen Erleben ernst zu nehmen – unabhängig vom kognitiven Zustand.
4. Umgang mit Biografiearbeit
- Biografien sind hilfreich, aber werden kritisch betrachtet:
- Oft stammen sie von Angehörigen und können gefiltert sein.
- Es wird infrage gestellt, ob frühere Vorlieben heute noch relevant sind.
- Stattdessen: offene Beobachtung, Beziehungspflege und Situationsverständnis.
5. Haltung zu digitalen Lösungen (z. B. VR)
- Digitale Mittel wie VR werden mit Vorsicht eingesetzt:
- Projektionen von Naturbildern (z. B. Wald) können beruhigend wirken.
- Aber: künstliche Welten sollen echte Erfahrungen und Beziehungen nicht ersetzen.
- Beziehungen und Authentizität stehen im Zentrum – nicht technologische Innovation.
6. Milieugestaltung
- Umgebung ist nicht nostalgisch inszeniert, sondern orientiert sich an heutigen Wohnstandards.
- Es gibt Rückzugsorte, Nischen, Naturbezüge und strukturierende Elemente für Orientierung und Sicherheit.
Fazit
Das Interview zeigt eine Haltung, die auf Würde, Selbstbestimmung und echtem Erleben basiert. Technische Hilfsmittel wie VR können unterstützend sein – jedoch nie anstelle von echter Beziehung und menschlicher Nähe.
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