Virtual Reality bei Demenz Interviewzusammenfassung

Gesprächspartner:innen:

  • Dr. phil. Regula Blaser, Prof. FH – Dozentin und Studienleiterin CAS Demenz und Lebensgestaltung, Institut Alter, Berner Fachhochschule
  • Niklas Baeskow – Specialist for Projekt Management and Nursing Science, Diakonie Nord Nord Ost
  • Karin Fritz – Pflegeexpertin APN mit Schwerpunkt Gerontologie
  • Susanna Erlanger – Künstlerin und pflegende Angehörige ihres an Demenz erkrankten Mannes
  • Dr. med. Tobias Meyer – Leitender Arzt Alterspsychiatrie (Co-Leitung), Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER
  • PD Dr. med. Sarah Trost – Leitende Ärztin Alterspsychiatrie und -psychotherapie, Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER
  • Gerd Kehrein – Leiter Bildung, Sonnweid Wetzikon
  • Edith Arpagaus – Leiterin Pflege, Evangelisches Pflege- und Altersheim Thusis

Erinnerungen und emotionale Aktivierung

Mehrere Gesprächspartner:innen betonen, dass VR bei Menschen mit Demenz biografische Erinnerungen wecken und emotionale Reaktionen auslösen kann – insbesondere durch Naturaufnahmen, vertraute Orte oder ruhige Bilder.

Niklas Baeskow beschreibt, dass Naturfilme mit klassischer Musik gut aufgenommen wurden:

„Was wir gemerkt haben, ist, dass Naturaufnahmen mit klassischer Musik gut funktionieren – wenn nichts erwartet wird. Einfach schauen und hören.“

Tobias Meyer weist darauf hin, dass VR helfen kann, verlorene biografische Ankerpunkte zu reaktivieren:

„Wenn jemand einen Ort wiedererkennt, kann es sein, dass etwas auftaut – ein Gesichtsausdruck, ein Wort, ein Blick.“

Sarah Trost betont, dass VR bei passenden Inhalten zur Beruhigung beitragen kann:

„Es kann zu einer Stabilisierung beitragen, wenn die Inhalte ruhig sind. Aber sobald das Tempo steigt oder es unklar wird, wo man ist, kann es Menschen mit Demenz überfordern.“


Voraussetzungen für VR-Nutzung

VR-Inhalte müssen spezifisch auf Menschen mit Demenz zugeschnitten sein:

Karin Fritz (Pflegeexpertin) betont, dass VR gezielt für ausgewählte Personen mit passender Begleitung eingesetzt werden sollte.

Niklas Baeskow (Diakonie Nord Nord Ost) beschreibt, wie Naturfilme mit langsamer Kameraführung gut angenommen werden:„Wir haben sehr positive Rückmeldungen erhalten – wichtig ist, dass nichts hektisch ist.“

Tobias Meyer (FELIX PLATTER) weist auf die Wirkung biografisch relevanter Inhalte hin:„Wenn ein Ort Erinnerungen weckt, entsteht manchmal sofort ein Gespräch – oder ein Lächeln.“


VR als soziales Medium

Regula Blaser hebt hervor, dass VR nicht als isoliertes Erlebnis verstanden werden sollte, sondern als soziale Intervention:

„Also ich glaube, das Ziel müsste sein, dass man diese Technik so nutzt, dass man ins Gespräch kommt. Dass es etwas auslöst, dass man sich danach erinnert oder darüber redet.“​

Auch Niklas Baeskow sieht Potenzial in gemeinschaftlicher Nutzung: VR könne Gesprächsanlässe bieten – nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für das Betreuungsteam.


Kritische Perspektiven und medienethische Einwände

Gerd Kehrein äussert sich sehr kritisch gegenüber medienbasierten Interventionen wie Virtual Reality:

„Ich bin da sehr zurückhaltend, weil ich denke, dass Beziehungen das Entscheidende sind. Und wenn ich dann sehe, dass jemand mit einer VR-Brille alleine irgendwo sitzt, dann habe ich eher ein ungutes Gefühl.“

Er verweist auf ein konkretes Projekt, bei dem VR in einem nachgebauten Zugabteil eingesetzt wurde – für ihn eine inszenierte Welt ohne echte Resonanz:

„Die sitzen da wie im Theater, aber es ist niemand da, der mit ihnen über diese Zugreise spricht.“

Er warnt davor, dass VR als Innovation gefeiert wird, ohne dass ein Beziehungsangebot damit verbunden ist. Medien sollten nicht Beziehung ersetzen, sondern im besten Fall ergänzen.


Technische und organisatorische Herausforderungen

Tobias Meyer stellt die Frage nach der langfristigen Umsetzung:

„Wer kümmert sich um die Updates, die Wartung, den Support? Wer hat im Heimalltag Zeit, das alles zu betreuen?“

Er betont, dass Technologie in der Pflege nur dann Wirkung entfalten kann, wenn sie in klare Abläufe eingebunden und von entsprechend geschultem Personal betreut wird.

Edith Arpagaus stimmt dem zu und warnt vor einem rein theoretischen Nutzen:

„Es bringt nichts, wenn das Gerät da ist, aber niemand weiss, wie man es einsetzt. Oder keine Zeit bleibt.“


Fazit

Virtual Reality kann für Menschen mit Demenz einen Zugang zu Erinnerungen, emotionalem Ausdruck und Naturerleben eröffnen – wenn sie ruhig, angepasst, begleitet und strukturell verankert eingesetzt wird.

Zugleich zeigen die kritischen Stimmen deutlich:

  • VR ist kein Ersatz für Beziehung, sondern muss eine Beziehung ermöglichen.
  • Die Technik darf nicht isoliert stehen – sie braucht Begleitung.
  • Ohne personelle Ressourcen, Schulung und Integration in den Alltag bleibt VR ein gut gemeintes, aber wirkungsloses Werkzeug.

„Technik soll ein Gespräch ermöglichen – nicht ersetzen.“ (Blaser R., 2024)


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