Lebensqualität bei Demenz – Herausforderungen und gestalterische Potenziale
Demenz ist eine der grossen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Allein in der Schweiz leben laut Alzheimer Schweiz (2023) über 150’000 Menschen mit einer Demenzerkrankung – und die Zahl wird sich bis 2050 voraussichtlich verdoppeln. Doch Demenz betrifft nicht nur das Gedächtnis: Sie verändert das Leben der Betroffenen, ihrer Angehörigen und des Pflegeumfelds tiefgreifend. In meinem Kolloquiumsprojekt im Master Design an der Hochschule der Künste Bern habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie Gestaltung zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz beitragen kann.
Lebensqualität und das Umfeld als Schlüsselfaktoren
Verhaltens- und psychologische Symptome der Demenz (Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia, kurz: BPSD), wie Unruhe, Aggression oder Apathie, treten bei etwa 90 % der Betroffenen auf (Savaskan et al., 2024) und wirken sich direkt negativ auf die Lebensqualität aus. Nicht-pharmakologische Ansätze – wie eine personzentrierte Pflege, angepasste Umgebungen oder aktivierende Tätigkeiten – gelten daher zunehmend als Schlüsselinterventionen. Dabei wurde deutlich: Lebensqualität entsteht nicht allein durch individuelle Fähigkeiten, sondern vor allem durch ein unterstützendes, kompetentes und empathisches Umfeld (Bundesamt für Gesundheit [BAG], 2019).
Virtual Reality als ergänzendes Aktivierungsmedium
In meiner Arbeit habe ich insbesondere die Potenziale immersiver Medien wie Virtual Reality (VR) untersucht. Studien belegen, dass VR positive Wirkungen auf das emotionale Wohlbefinden und die Stimmung von Demenzpatient:innen haben kann – etwa durch Erinnerungstherapie mittels 360°-Videos (Appel et al., 2021) oder naturbasierte Simulationen (Moyle et al., 2018). Auch Krenger (2023) hebt hervor, dass VR-Systeme, die gezielt auf die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten abgestimmt sind, das Erleben bereichern und die Lebensqualität verbessern können.
Gleichzeitig zeigte sich in Interviews mit Expert:innen und durch teilnehmende Beobachtung im Pflegealltag, dass solche Technologien ohne fachliche Begleitung oder soziale Einbettung kaum Wirkung entfalten – und unter Umständen sogar überfordern können (Blaser, zitiert in Anhang B6; Meyer, zitiert in Anhang B9).
Methodisches Vorgehen
Zur Erhebung der Daten wurde ein Mixed-Methods-Ansatz verwendet, bestehend aus neun qualitativen Leitfadeninterviews (Brosius et al., 2012) sowie einer fünftägigen teilnehmenden Beobachtung (Schnell et al., 2023) in einer Pflegeeinrichtung. Ziel war es, sowohl subjektive Perspektiven (Pflegekräfte, Angehörige, Fachpersonen) als auch beobachtbare Alltagserfahrungen in Bezug auf Aktivierung, Technologieeinsatz und Lebensqualität zu analysieren.
Zentrale Erkenntnisse
Die Auswertung zeigt: VR kann durchaus zur emotionalen Stimulation beitragen – jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Entscheidend ist die Begleitung durch geschultes Personal, der soziale Rahmen sowie die Integration in bestehende Tagesstrukturen. Vielmehr als die Technologie selbst wirkt das gestaltete Umfeld auf die Lebensqualität der Betroffenen. Besonders deutlich wurde auch der bestehende Handlungsbedarf in der Schulung und Sensibilisierung von Angehörigen und nicht-pflegerischem Heimpersonal (Fritz, zitiert in Anhang B4).
Ausblick: Gestaltung als Brücke
Design kann einen wichtigen Beitrag leisten – nicht nur technologisch, sondern auch sozial-kommunikativ. Mögliche Ansätze beinhalten:
- eine „Living Library“ für den persönlichen Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen,
- interaktive Schulungsmaterialien für Pflegekräfte, basierend auf realen Bedürfnissen,
- VR-Trainingssimulationen, die den Umgang mit herausfordernden Situationen im Pflegealltag trainieren.
Im Zentrum steht dabei stets die Frage: Wie können wir als Gestalter:innen dazu beitragen, ein Umfeld zu schaffen, das die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz ernst nimmt und ihre Teilhabe an der Gesellschaft unterstützt?
Literaturverzeichnis
Appel, L., Kisonas, E., Appel, E., Klein, J., Bartlett, D., Rosenberg, J., & Smith, C. N. (2021). Administering virtual reality therapy to manage behavioral and psychological symptoms in patients with dementia admitted to an acute care hospital: Results of a pilot study. JMIR Formative Research, 5(2), e22406. https://doi.org/10.2196/22406
Alzheimer Schweiz. (2023). Demenz in der Schweiz 2023 – Zahlen und Fakten. https://www.alzheimer-schweiz.ch/fileadmin/dam/Alzheimer_Schweiz/Dokumente/Ueber_Demenz/Zahlen-Fakten/23_D_Factsheet_DemenzCH_2023_DE.pdf
Bundesamt für Gesundheit (BAG). (2019). Demenz in der Schweiz. Eine Übersicht der Ergebnisse der Nationalen Demenzstrategie 2014–2019. https://www.bag.admin.ch
Brosius, H.-B., Haas, A., & Koschel, F. (2012). Methoden der empirischen Kommunikationsforschung (6. Aufl.). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-94214-8
Krenger, P. (2023). VR-Technologie in der stationären Altersarbeit [Masterarbeit, Berner Fachhochschule – Soziale Arbeit]. https://files.www.soziothek.ch/source/Kooperationsmaster/KrengerPia.pdf
Moyle, W., Jones, C., Dwan, T., & Petrovich, T. (2018). Effectiveness of a virtual reality forest on people with dementia: A mixed methods pilot study. The Gerontologist, 58(3), 478–487. https://doi.org/10.1093/geront/gnw270
Savaskan, E., Georgescu, D., Becker, S., Benkert, B., Blessing, A., Bürge, M., … Zúñiga, F. (2024). Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie der behavioralen und psychischen Symptome der Demenz (BPSD). Praxis (Bern 1994), 113(2), 34–43.
Schnell, R., Hill, P. B., & Esser, E. (2023). Methoden der empirischen Sozialforschung (13. Aufl.). De Gruyter Oldenbourg.nbourg.