Vom 28. Mai bis zum 3. Juni 2024 wurde im Rahmen einer qualitativen Feldstudie eine teilnehmende Beobachtung im Domicil Oberried, einer stationären Pflegeeinrichtung für Menschen mit Demenz, durchgeführt. Ziel war es, auf Grundlage eines ethnografisch-interpretativen Ansatzes Einblicke in den Alltag, die Interaktionen sowie institutionelle Routinen in verschiedenen Bereichen der Einrichtung zu gewinnen.
Im Mittelpunkt der Erhebung stand das subjektive Erleben der Bewohner:innen, die Beziehungsgestaltung durch das Fachpersonal, sowie die Wirkung räumlicher, materieller und sozialer Strukturen im Alltag. Die methodische Vorgehensweise folgte der teilnehmenden Beobachtung im Sinne der qualitativen Sozialforschung, verstanden als offene, unstrukturierte, feldnahe Erhebung unter realen Bedingungen (Schnell et al., 2023, S. 333; Lamnek & Krell, 2016, S. 515).
Dabei wurde bewusst auf standardisierte Kategoriensysteme verzichtet. Stattdessen wurden Beobachtungsnotizen kontextsensitiv und rekonstruktiv angelegt – mit dem Ziel, Deutungsmuster, Interaktionslogiken und alltagsweltliche Sinnkonstruktionen aus dem Feld heraus zu erschliessen (Lamnek & Krell, 2016, S. 533). Die teilnehmende Beobachtung wurde nicht nur als Technik der Datenerhebung verstanden, sondern auch als interaktive, reflexive Forschungspraxis, in der Nähe und Distanz kontinuierlich austariert wurden (Schnell et al., 2023, S. 334).
Beobachtete Bereiche
Im Laufe der Beobachtungswoche wurden folgende Stationen und Angebote besucht:
- Pflegeabteilung Wohngruppe 1 (EG): Grundpflege, individuelle Betreuung, Essenseingabe. Routinen, Kommunikation, Umgang mit herausforderndem Verhalten.
- Erlebnisgruppe (ELG): Malen, Singen, Musikangebote, Mandala-Ausmalen
- Aktivierungen im Gemeinschaftsbereich: z. B. Würfelspiele, Zeitschriftenlektüre, Memory
- Grossangebote: z. B. Glacestand und Alphornkonzert zur biografieorientierten Aktivierung
- Cafeteria & Garten: Beobachtungen zu halböffentlicher Interaktion und Alltagsritualen
- Pflegedokumentation: Gespräche mit Fachpersonal zu Biografiearbeit, Weiterbildungen, Rollenbildern
Protokollstruktur
Die Beobachtungen wurden gemäss einem strukturierten Raster dokumentiert (vgl. Beobachtungsprotokoll, 2024):
- Einzelne Beobachtungen (Interaktionen, Stimmungen, Reaktionen)
- Aktivitäten & Therapieformen (z. B. Musik, Spiele, Bewegung)
- Pflege & Organisation (Personalstruktur, Gesprächsinhalte, Dokumentationspraxis)
- Technologische Aspekte (z. B. Mediennutzung, Umgebungstechnologie)
- Fazit: Reflexion zentraler Beobachtungen, Bewertung von Handlungsspielräumen und Ressourcen
Diese Struktur erlaubte eine dichte, aber offene Beschreibung des Pflegealltags, die im Sinne interpretativer Sozialforschung auf Verstehensprozesse und symbolische Bedeutungen fokussierte (Schnell et al., 2023; Lamnek & Krell, 2016).
Literaturverzeichnis
Lamnek, S., & Krell, C. (2016). Qualitative Sozialforschung (6., überarbeitete Aufl.). Beltz.
Protokoll teilnehmende Beobachtung. (2024). Unveröffentlichtes Protokolldokument zur Beobachtungswoche im Domicil Oberried.
Schnell, R., Hill, P. B., & Esser, E. (2023). Methoden der empirischen Sozialforschung (13. Aufl.). De Gruyter Oldenbourg.